Bürgeranfrage zur Bautätigkeit in Titz

Im August erreichte und per Email die Anfrage eines Bürgers aus Titz. Diese Anfrage sowie die Antwort von Christian Waldrich, Fraktionsvorsitzender der GRÜNEN in Titz finden Sie hier.

“ Tagein tagaus brüsten sich der Bürgermeister und die CDU damit, dass die Gemeinde (ebenso übrigens auch Politik auf Kreiseebene) unaufhaltsam wächst, was die Einwohnerzahl angeht.
Dabei unterstellen diese, dass dieses Wachstum an sich schon ein
positiver Aspekt ist.

Ich sehe das anders. Ich wohne bewusst „im Dorf“, möchte dass es ein Dorf bleibt und finde es bedenklich, permanent am Ortstrand neue Baugebiete auszuweisen (während der Ortskern verfallen wird). Titz verkommt zu einer immer größeren und anonymeren Schlafstadt für Neusser, Düsseldorfer usw., die dann kilometerweit pendeln und Staus verursachen.

Besteht über diese Wachstumspolitik eigentlich Einvernehmen unter den Ratsmitgliedern? Ich vernehme immer nur diese eine Sicht.

Neben dem bereits geschilderten ist auch verwerflich, dass unsere
Ackerböden, die zu den besten deutschlandweit zählen, einfach immer weiter zubetoniert werden.

Und wenn schon Baugebiete sein müssen: kein einziges Grundstück ist für mich erkennbar vorgesehen für Mehrfamilienhäuser/ Mietwohngrundstücken.
Ist ja klar – die CDU möchte natürlich nur einkommensstarke Familien anlocken – auch da wird sich mit der Spitzenposition gebrüstet.

Mir wäre daran gelegen, wenn Sie mir sagen könnten, wie die Grünen zu diesem Thema stehen. Vielen Dank!“

Antwort von Christian Waldrich:

„Vielen Dank für Ihre ausführliche Frage, die ich gerne ebenso ausführlich beantworten möchte. Eine Antwort aus zwei Sätzen würde weder Ihrer Anfrage gerecht noch wäre sie möglich.  In so fern bitte ich um Entschuldigung, dass die Beantwortung etwas mehr Zeit in Anspruch genommen hat.

Ihre Anfrage berührt gleich mehrere verschiedene Bereiche (Umwelt, Gemeindeentwicklung aber auch Standortfaktoren) welche häufig miteinander konkurrieren.

Ich möchte daher gerne die einzelnen Aspekte aus meiner Sicht beantworten.

1.) Neue Wohnbebauung

Titz hat in den vergangenen Jahren eine Reihe neuer Wohngebiete erschlossen. Dies geschah zum einen durch die Entwicklung komplett neuer Baugebiete, zuletzt jedoch im Rahmen von Abrundungssatzungen. Bei der Abrundungssatzung wird das bereits bebaute Siedlungsgebiet an seinen Grenzen „begradigt“.
Nach derzeitiger Planungslage (Landesentwicklungsplan etc.) gehe ich davon aus, dass es in näherer Zukunft (mit Ausnahme des Primus-Quartiers und der Abrundungsgebiete) keine ehrheblichen Baumaßnahme/Neubaugebiete geben wird.

Die Bauplanung der letzten Jahre geschah in der Tat im Wesentlichen im breiten Einklang der Ratsfraktionen. Lediglich in der konkreten Ausgestaltung (Grünflächen, Parkraum, Baumscheiben, Verkehrsberuhigung) gab es teilweise unterschiedliche Ansichten.

Die von Ihnen nun angesprochenen Negativ-Punkte erkennen wir natürlich auch. Die zunehmende Urbanisierung dörflicher Strukturen werfen ästhetische aber auch praktische Fragen auf, zumal die Neubaugebiete meistens gewachsene dörfliche Strukturen vermissen lassen. Als besonders negatives Beispiel möchte ich die neuen Ortschaften wie Immerath-Neu anführen, die sich für mich beim Durchwandern ebenfalls nicht wie ein lebendiges Dorf anfühlen.

Gleichwohl macht die besondere Situation einer Kommune wie Titz es notwendig, ein gewisses Quantum an Wachstum zu vollziehen.

Folgende Punkte haben uns in der Vergangenheit bewogen dem „Wachstumskurs“ der Einwohnerzahl weitgehend zuzustimmen:

Schule

Die Beschulung der Kinder und Jugendlichen ab der Schulklasse 5 in Titz stand bereits vor dem Aus. Die Schließung der Hauptschule Titz aufgrund mangelnder Schülerzahlen stand bereits auf der Tagesordnung des Rats. Aufgrund eines Antrags meiner Fraktion konnte in einer Sondersitzung des Rats und durch Unterstützung der Landtagsfraktion sowie des Kultusministeriums die Einrichtung der PRIMUS-Schule als (mittlerweile sehr erfolgreiche) Alternative beschlossen werden. Dennoch macht eben nur eine ausreichende Schülerzahl eine Schule langfristig tragfähig. Der Wegfall der Schule hätte überdies harte Einschnitte für die Nachwuchswerbung des Vereinslebens, den Wegfall des Schulsports im Hallenbad etc. bedeutet.

Lastenverteilung

Titz hat eine der höchsten Kanalnutzungsgebühren in NRW. Das kommt daher, dass das Leitungsnetz aufgrund der Fläche der Gemeinde riesig, die Anwohner, auf die sich die Kosten verteilen aber unterproportional ist. Der Rat der Gemeinde Titz hat sich mehrheitlich dafür ausgesprochen, die Wasserversorgung der Gemeinde mit dem Wasserwerk in der eigenen Hand zu behalten statt das Wasserwerk zu verkaufen. Diese Entscheidung wird (zumindest meinem Gefühl nach) von einer Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger geteilt. Dafür musste jedoch das Wasserwerk nach langen Jahren eines „Dornröschenschlafs“ für viel Geld ertüchtigt werden. Sinnvoll, aber eben teuer.

„Marktlage“

Das Leben „auf dem Dorf“ wirkt auch auf mich erfreulich entschleunigend. Gerade nach einem stressigen Tag im Beruf freue ich mich auf meinen Garten und den Spaziergang mit dem Hund. Dafür verzichte ich gerne auf fußläufige Freizeitangebote wie Kino, Theater, Diskothek etc. Andere Einrichtungen wären für den ein oder anderen Bürger sinnvoll und wünschenswert. Eine kleine Bibliothek? Ein Facharzt? Ein Restaurant? Ein Bäcker, Metzger, Post? Eine Tagespflegeeinrichtung? Nicht wenige Menschen träumen von einem Anschluss an den regionalen Schienenverkehr. All das kann es aber nur geben, wenn die Gemeinde für die Anbieter attraktiv ist. Das entscheidende Kriterium ist dabei in den meisten Fällen die Einwohnerzahl.

2.) Ökologie

Sie sprechen (zumindest untergeordnet) den ökologischen Aspekt an. Natürlich bedeutet jede Baumaßnahme einen Eingriff in die Umwelt. Ich verwende jedoch bewusst den Begriff „Umwelt“ und nicht Natur. Titz ist eine der Gemeinden mit der größten landwirtschaftlichen Nutzfläche. Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass die Bodenqualität aus landwirtschaftlicher Sicht hervorragend ist. Die ökologische Wertigkeit dieser Flächen ist aber leider gering. Auch wenn Sie also über Felder schauen und sich an der grünen Farbe erfreuen handelt es sich doch um eine (agrar-)industrielle Nutzfläche. Nicht ohne Grund wird die Gemeinde Titz von den Umweltbehörden sowie den Naturschutzverbänden regelmäßig als eine der artenärmsten Kommunen im Kreis Düren beschrieben.

Die Bebauung einer solchen Fläche stellt damit aus unserer Sicht keine Vernichtung ökologisch besonders schützenswerte Flächen da (Ausnahmen könnten da z.B. Streuobstwiesen an den Dorfrändern darstellen. Dies ist jedoch Objekt einer Einzelfallprüfung).

Aus ökologischer Sicht halten wir andere Maßnahmen in der Gemeinde für qualitativ und quantitativ zielführender. Hier sind zu nennen: die Vermeidung von Schottergärten, Begrünung öffentlicher Flächen mit heimischen Stauden, Gräsern und Gehölzen, die generelle Einrichtung von Feldrainen und Randgehölzen (was im Übrigen auch den ästhetischen Aspekten einer ursprünglichen niederrheinischen Landgemeinde entgegenkommen würde), die Schaffung von Extensiv-Grünlagen oder die Reduzierung von Giften und Spritzmitteln.

Der von Ihnen angeführte Pendelverkehr und die daraus resultierenden negativen Effekte (einschließlich Stau) ist natürlich nicht wünschenswert. Ich kann allerdings nicht erkennen, wie ohne die angeführten Infrastrukturmaßnahmen Arbeitsplätze innerhalb der Gemeinde geschaffen werden könnten.

3.) Fazit

Ihre Frage, ob Wachstum positiver Wert an sich ist beantworte ich mit „Nein“. Wachstum beinhaltet aber wichtige und nützliche Aspekte. Quantitatives Wachstum kann helfen, Lasten breit zu verteilen und Chancen schneller nutzbar zu machen (ohne dies durch einen vierstelligen Hebesatz erkaufen zu müssen). Wichtig ist aber die Frage der Qualität des Wachstums. Es wird aus unserer Sicht darauf ankommen, dass das Wachstum der Gemeinde nicht verzehrt, sondern bereichert. Ich gebe Ihnen recht, dass dieser Aspekt in vielen Fällen noch zu kurz kommt.
Wir werden darauf drängen, dass z.B. im Primus Quartier wie bereits diskutiert ein Angebot des sozialen Wohnungsbaus gemacht wird.
Bei Herabstufungen von Wirtschaftswegen im Rahmen der Bewertung durch das Wirtschaftswegekataster setzen wir uns für eine verstärkte Nutzung für Feldrandbepflanzungen ein.
Interkommunal arbeiten wir mit den GRÜNEN Nachbarfraktionen an einer ökologisch vorteilhaften Nachnutzung des Braunkohletagebaus, an einer Vermeidung von neuem LKW-Verkehr durch die Randlage am Tagebau, an einem bessern Verkehrs- und ÖPNV-Konzept zusammen.

Ja, wir sind der Auffassung, dass wir eine stabile Entwicklung (um nicht wieder von Wachstum zu sprechen) brauchen. Über die Qualität dessen wird immer wieder aufs Neue zu ringen sein.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen den Konflikt, in dem wir uns als Fraktion häufig sehen deutlich machen. Dennoch: nichts ist alternativlos. Ich würde Sie gerne einladen uns im Rahmen unserer Fraktionssitzungen zu Besuchen und bei Ratsvorlagen, die diese Themen betreffen mit uns zu das Für und Wider zu diskutieren.

Es grüßt Sie freundlich

Christian Waldrich
Fraktionsvorsitzender Bündnis 90 / Die Grünen, Titz“